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Biber-Kartierung an der Chemnitz

Fabiola Brucke, NABU Burgstädt - Foto: Jens Schubert
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Fabiola Brucke, NABU Burgstädt - Foto: Jens Schubert

Seit 2014 ist unser Gruppenmitglied Fabiola Brucke für die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Mittelsachsen als Naturschutzhelferin im Artenschutz ehrenamtlich tätig. Dabei kartiert sie akribisch sämtliche Spuren, die unser größtes einheimisches Nagetier, der Europäische Biber (Castor fiber), am Chemnitz-Fluss hinterlässt. Da die Chemnitz sowohl die gleichnamige kreisfreie Stadt, als auch den oben genannten Landkreis durchfließt, hat Frau Brucke konsequenterweise seit 2017 die gleiche Aufgabe für das Umweltamt der Stadt übernommen. Damit betreut sie neben weiteren ehrenamtlichen Aufgaben in der Schutzgebietsbetreuung insgesamt 37 Fluss-Kilometer.

Der Eine oder Andere mag sich fragen, ob es es denn überhaupt Biber an der Chemnitz gibt. Glücklicherweise kann man die Frage eindeutig bejahen, und mehr noch, die Population an der Chemnitz hat sich gut entwickelt und scheint recht stabil zu sein.

Leider war das nicht immer so. Der einst in Europa und Teilen Asiens großflächig verbreitete Nager wurde bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verfolgt und seines Lebensraumes beraubt. Damit gelangte die Art an den Rand ihrer Existenz. Erst seit der Einführung von Schutzmaßnahmen im 20.Jahrhundert konnten sich die wenigen noch vorhandenen Inselpopulationen nach und nach verbliebene Lebensräume zurück erobern. Dabei verbreiten sich die Tiere meist flussaufwärts, im hiesigen Fall von der Elbe über die Mulde und Zwickauer Mulde in die Chemnitz.

Am Anfang stand da ein ergeiziger Plan und natürlich viele Fragezeichen auf die Stirn der engagierten Naturschutzhelferin geschrieben: Werde ich überhaupt Biberspuren finden und als solche erkennen? Wo muss man da genau suchen? Welche Spuren hinterlässt das Tier eigentlich? Wie alt sind die gefundenen Spuren und sind diese für eine Datenerfassung relevant? Welche Schlüsse lassen sich aus den Funden ziehen? Werde ich das heimliche Tier je dabei zu Gesicht bekommen?

Heute sieht das freilich schon ganz anders aus. Frau Brucke verfügt inzwischen über einen umfangreichen Erfahrungsschatz und kann erkennbare Spuren ihren Verursachern eindeutig zuordnen.

Zahnspuren des Bibers an Weichhölzern - Foto: Jens Schubert
Datenerfassung an einer frischen Fraßstelle - Foto: Jens Schubert
Alte und frische Fraßspuren - Foto: Jens Schubert

Fraßstellen der letzten Saison erkennt man an ihrer Helligkeit und ganz frischer Fraß enthält eine gewisse Restfeuchte, die sich erfühlen lässt. Für aktuelle Erfassungsdaten sind nur Spuren des zurückliegenden Jahres von Belang.

Vergraute und vertrocknete Stellen sind älter als ein Jahr und liefern lediglich den Hinweis, dass ein Biber den Platz irgendwann frequentiert hat.

Aus abgebissenen Zweigen legt sich der Biber Nahrungsvorräte an, indem er die Zweige unter Wasser deponiert. Stärkere Zweige und Äste bis etwa 5 cm Durchmesser dienen dagegen nicht nur als Nahrung, sie finden ebenso als sogenannte Biberstöcke beim Bau seiner Dämme und zur Überdeckung seiner Biberburg Verwendung.

An flachen Uferbereichen findet man gelegentlich Fraßplätze. - Foto: Jens Schubert
Häufen sich Fraßstellen und sogenannte Biberrutschen, … - Foto: Jens Schubert
… ist ein größerer Fraßplatz vorhanden oder gar ein Biberdamm, ist eine Biberburg meist nicht mehr weit entfernt. - Foto: Jens Schubert

Bei Biberburgen handelt es sich um recht große Bauwerke, die aber kaum in Erscheinung treten, da sie unterirdisch angelegt sind und sich auch deren Eingänge unter Wasser befinden. Lediglich die Mündungen von Flucht- und Luftröhren können bei genauem Hinsehen entdeckt werden. Aber auch diese sind meist gut in der Uferböschung versteckt.

Röhren in der Uferböschung - Foto: Jens Schubert
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Röhren in der Uferböschung - Foto: Jens Schubert

Nach längerer Nutzung, bei zu geringer Überdeckung oder bei hoher Bodenbelastung können die Baue einbrechen und geben dann auch mal den Blick in einen Wohnkessel frei.

Wohnkessel, etwa 1 m Durchmesser - Foto: Jens Schubert
Mehrere Röhren verbinden den Kessel mit der Außenwelt - Foto: Jens Schubert

In diesem Fall führen die Röhren über eine Länge von knapp 5 m bis zum Flussufer.

Ist eine Behausung eingebrochen oder ist gar kein Steilufer vorhanden, stellt der Biber die nötige Überdeckung aktiv aus herumliegenden Ästen und selbst geschnittenen Biberstöcken her. Dann entsteht die Biberburg, wie sie häufig in Illustrationen gezeigt wird und die im Flachland die Normalform darstellt. Voraussetzungen sind dann nur ein möglichst gleichmäßiger Wasserstand, eine geringe Fließgeschwindigkeit und einigermaßen Störungsfreiheit.

Biberburg mit Stöcken überbaut - Foto: Jens Schubert
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Biberburg mit Stöcken überbaut - Foto: Jens Schubert

Wie steht es aber nun mit Spuren im engeren Sinne, Pfotenabdrücken, sogenannten Trittsiegeln? Ja, auch die gibt es, aber hierbei braucht es eine Portion Glück und in den meisten Fällen viel Erfahrung. Selten wird man eine derart frische und deutlich gezeichnete Fährte finden, wie sie hier im Bild zu sehen ist.

Trittsiegel im Schlick - Foto: Jens Schubert
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Trittsiegel im Schlick - Foto: Jens Schubert

Es stellt sich nun die Frage: Sind das bereits alle Spuren bzw. Hinweise auf die Anwesenheit des Bibers? - Natürlich nicht! - Bei genauerem Hinsehen wird man auch das restliche Nahrungsspektrum erkennen, das den bevorzugten zahlreichen Weichhölzern laut Literatur auch 150 krautige Pflanzen enthalten soll. Das Monitoring an der Chemnitz ergab aber diesbezüglich bisher nur spärliche Hinweise, die sich lediglich auf ein paar wenige Halme des Staudenknöterichs und auf drei Fraßstellen an Flatterbinsen beziehen. Andernorts plünderten Biber auch schon mal Maiskolben.

Verbiss an Flatterbinse - Foto: Jens Schubert
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Verbiss an Flatterbinse - Foto: Jens Schubert

Was in den Biber gelangt, muss irgendwann auch wieder raus. So ergab sich eines Tages ein Fund, der bis heute Rätsel aufgibt. Aus der Literatur ist bekannt, dass der Biber einen Primärkot ausscheidet, der einen Prozess der Fermentierung durchläuft und vom Tier erneut gefressen wird. Leider existieren zu diesem Primärkot weder Beschreibungen noch Belegfotos.

Das folgende Foto zeigt einen Kotfund, der auf einer Biberrutsche mitten im Biberrevier unweit einer oben beschriebenen Binsen-Fraßstelle lag. Erfahrene Spurenleser konnten den Fund weder dem Biber zuordnen, noch eine Zuordnung ausschließen. So bleiben zu diesem Fund jede Menge Fragen, die, so die Hoffnung, eines Tages von einem Experten geklärt werden können.

Primärkot? - Foto: Jens Schubert
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Primärkot? - Foto: Jens Schubert

Wenn die Nahrung den Biber ein zweites Mal verlässt, wird diese Losung zumeist im Wasser abgesetzt und ist für den Spurensucher verloren. Das Glück der Tüchtigen war Frau Brucke allerdings hold und so ist es möglich, auch diese Hinterlassenschaft zu zeigen.

Biberlosung - Foto: Jens Schubert
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Biberlosung - Foto: Jens Schubert

Neben den meist deutlich sichtbaren Wechseln, die die Biber auf ihren nächtlichen Wanderungen von einem Gewässer zum anderen oder in die umgebende Botanik treten und der vielen Sassen, die sich die Tiere als Ruhestätten in die Uferböschung graben, muss Frau Brucke trotz der jahrelangen Suche an unzähligen Flusskilometern eine Biberspur schuldig bleiben. dabei handelt es sich um das sogenannte Bibergeil - ein Sekret, das der Biber zum Markieren seines Reviers einsetzt.

Des Einen Freud ist des Anderen Leid …
Ein Tier, das ähnlich dem Menschen, seine Umgebung, ja sogar ganze Landschaften, nachhaltig zu verändern in der Lage ist, gerät mit seinem Konkurrenten selbstverständlich recht schnell in Konflikt. Nicht wissend, dass viele fruchtbare Ackerböden einst erst durch den Biber geschaffen wurden, beraubt der Mensch diesen großartigen Baumeister durch intensive Land- und Forstwirtschaft, Bau von Verkehrswegen und Kanalisierung von Fließgewässern seines Lebensraumes. Auf der anderen Seite kann der Biber unmittelbare Gefahren für den Menschen hervorrufen. Es sind dies vor allem Verkehrsgefährdung durch von Umsturz bedrohten Bäumen, Verklausung von Brücken und wasserwirtschaftlichen Anlagen, Überschwemmung von Nutzflächen, Einbruchgefahr durch Unterminierung oder durch direkten Verlust von Nutzhölzern.

Biberfraß - Baumriesen werden nicht verschont - Foto: Jens Schubert
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Biberfraß - Baumriesen werden nicht verschont - Foto: Jens Schubert

Im Winter ist Spurensaison - Foto: Jens Schubert
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Im Winter ist Spurensaison - Foto: Jens Schubert

An dieser Stelle ist Frau Brucke’s Vermittlungsgeschick als Biberbeauftragte gefragt. Hier gilt es ständig, die oft verhärteten Fronten der einzelnen Interessengruppen aufzuweichen und den Konfikt im Sinne der FFH-Richtlinie und des Bundesnaturschutzgesetzes aufzulösen.

Das bedeutet nicht, dass die Entscheidungen immer zugunsten dieser streng geschützten Art ausfallen. Vor allem dort, wo Hochwasserschutzeinrichtungen beeinträchtigt werden, muss der Biber weichen.

Auf der anderen Seite konnte Frau Brucke durch ihr spezifisches Wissen bereits sinnlose Bauvorhaben verhindern oder bei unabwendbaren Maßnahmen zumindest für ein verträgliches Vorgehen sorgen.

Was treibt eine Naturschützerin eigentlich an, wenn sie meist vom späten Herbst bis ins zeitige Frühjahr, also in der kalten Jahreszeit, stundenlang im unwegsamen Gelände unterwegs ist?

Es ist wohl hauptsächlich das gute Gefühl, der Natur ein klein wenig davon zurückgeben zu können, was wir ihr an anderer Stelle mit vollen Händen nehmen - das Gefühl, nicht allein zu sein, wenn die Kraft mal nicht reicht oder schwierige Aufgaben anstehen …

Dokumentation unzugänglicher Uferbereiche - Foto: Jens Schubert
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Dokumentation unzugänglicher Uferbereiche - Foto: Jens Schubert

… und nicht zuletzt das Gefühl, ganz eng mit der Natur verbunden zu sein und sich als Teil des Ganzen zu sehen.

Mit Geduld und etwas Glück zeigt sich das scheue Tier dann auch irgendwann persönlich. - Foto: Jens Schubert
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Mit Geduld und etwas Glück zeigt sich das scheue Tier dann auch irgendwann persönlich. - Foto: Jens Schubert

Eine erste Begegnung mit dem Biber lässt sich kaum in Worte fassen. Es ist  ein ganz flüchtiger, aber erhebender Moment, den man nicht vergisst. In der Morgen- oder Abenddämmerung taucht das imposante Tier nahezu geräuschlos aus dem Nichts auf, wird meist schnell seiner Beobachtung gewahr und verschwindet wieder in den Fluten. Fühlt sich der Biber gestört oder möchte Artgenossen warnen, klatscht mit seinem Schwanz, der sogenannten Kelle, laut auf die Wasseroberfläche. So kann es passieren, dass man  dieses Warnzeichen wohl schon öfters gehört, das Tier selbst aber nie gesehen hat.

Fabiola Brucke bei der Datenerfassung - Foto: Jens Schubert
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Fabiola Brucke bei der Datenerfassung - Foto: Jens Schubert

Wer nun vielleicht Lust bekommen hat, selbst im Naturschutz tätig zu werden, kann sich gern an die NABU-Gruppe Burgstädt wenden.

Also dann, bis demnächst, bei einer der vielen spannenden Aufgaben im ehrenamtlichen Naturschutz!


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